| Zweiter
Hand
(druckfreundliche Version)
Sigfrid Gauch: Zweiter Hand, Roman. Blieskastel 1997: Verlag Gollenstein, 310 Seiten, ISBN 3-930008-53-X. Auszüge: Ruth schreibt ihre Geschichte mit Rüdiger auf, und damit ergänzt und korrigiert sie die Sicht des Erzählers auf Ereignisse, die mit Ruths Flucht aus dem geordneten Reihenhausleben beginnen und Rüdiger zu Recherchen zwingen, die ihn immer wieder zu sich selbst zurückführen, auf die eigene Biographie, in der er viele seiner gegenwärtigen Schwierigkeiten grundgelegt findet. "Rüdiger hatte bereits seinen Führerschein, und so standen wir in der kalten Jahreszeit an manchen Abenden mit dem alten Volkswagen am Moselufer oder an den Waldrändern, gingen spazieren, saßen anschließend im Auto und redeten und küssten und streichelten uns. Genauer: Rüdiger redete und ich hörte zu, so war es meist. Rüdiger erklärte mir die Welt, oder er versuchte zumindest, mir die Welt zu erklären. Aufmerksam hörte ich zu, aber ich hörte vor allem auf den Klang seiner Stimme, betrachtete sein Profil und war erregt beim Gedanken daran, wo ich wohl heute wieder seine Hände spüren würde. Sie wanderten immer weiter, und ich ließ es gerne geschehen. Dann gab es Momente, in denen auch ich meine Fingerspitzen über Rüdigers Körper streichen ließ und dabei manchmal recht verblüfft war." "Mit einer heftigen Bewegung beugt sich Rüdiger zu Maria herab, fasst mit der linken Hand unter ihren Nacken, zieht sie ein wenig zu sich hoch. Maria nimmt die Beine von der Rückenlehne, stützt sich auf der Couch ab, rutscht höher, wirft die angerauchte Zigarette in den Aschenbecher, umschlingt Rüdigers Hals mit beiden Händen. An seinen Lippen die Haut von Marias Schulter, in seinem Ohr ihr schneller Atem. Rüdiger umarmt Maria, hält sie fest, umklammert sie, umklammert irgend etwas, das zufällig Maria ist, umklammert ein Gefühl, versucht durch Maria eine Situation festzuhalten, die ihm entgleitet, entglitten ist, spürt den Druck des Mariakörpers, der Mariaarme, einen festen Druck, keinen zärtlichen, den Druck einer Stolpernden, einer Stürzenden, aber vielleicht hält Maria jetzt nicht ihn fest, sondern ihren Vater im Café, vielleicht hat sich Maria eben von der Hand der Mutter losgerissen, ist jetzt, fünfzehn Jahre später, doch noch in das Café hineingelaufen, an dessen Tisch ihr Vater sitzt, der wusste, dass Maria und ihre Mutter einen Termin beim Rechtsanwalt haben, der Maria wenigstens von weitem sehen wollte, sieht, wie ihr Vater auf einmal strahlt, aufsteht und sie sich in seine Arme wirft, wie sie doch aus ihrer Schulbank aufspringt, achtlos das Rechenbuch und das Schulheft auf den Boden fallen lässt, während alle anderen Kinder ihr nachschauen, am Lehrer vorbei aus der Klasse rennt, die Tür ins Schloss fallen lässt, ihren Vater sieht, wie er vor ihr langsam, ganz langsam die Treppen des Schulhauses herabsteigt, wie sie ihn überholt, ihn umklammert und Papapapa ruft." Pressestimmen: "Aus und vorbei Rüdiger Senheim kehrt heim, und das
schmucke Reihenhaus ist leer. Komplett. Bis auf die Nachricht "So
kann ich nicht weiterleben. Ruth", auf der Treppe zwischen Essplatz
und tiefergelegenem Wohnzimmer (Rüdigers ganzer Stolz) ist nichts übriggeblieben.
Ruth weg, die zwei Kinder weg, die Möbel weg. Das Ende gibt´s gleich
zu Anfang des Romans. Wenigstens den vom Schwiegervater gesponserten
BMW hat der Verlassene noch. Mit der Nobelkarosse macht er sich auf
die Suche nach Kind und Kegel: Für den Leser beginnt eine Reise zurück
zum Anfang des Senheimschen Ehe(un)glücks. "Die Komposition des Romans auf verschiedenen Zeit- und Bewusstseinsebenen
ist, trotz zum Teil überraschender Schnitte, gut mitvollziehbar,
weil plausibel aufgrund der psychischen Situation der in alle Richtungen
suchenden Hauptfigur. Die Funde ergeben ein Lebensbild... Die Sprache
Gauchs in diesem Buch ist von präziser Leichtigkeit... Es lohnt,
sich einzulassen auf diese Ruth-Rüdiger-Katharina-Dominik-Welt." Im Netz unter: http://www.sigfrid-gauch.de |