| Winterhafen
Sigfrid Gauch: Winterhafen. Roman. Blieskastel: Gollenstein Verlag 1999, 452 S., geb., ISBN 3-933389-11-9 Stimmen: "Mit psychologischem Gespür für Grenzsituationen und einer feinfühligen, nuancenreichen Sprache schildert Sigfrid Gauch die in seinem Roman gegeneinander geschnittenen, verschiedenartigsten Milieus. Dabei sorgen dramaturgisch gut gebaute, temporeiche Dialoge nicht nur für Spannung, sondern wirken in ihrer Genauigkeit und dem Gespür für Zwischentöne geradezu seismografisch für die psychische Verfassung der jeweiligen Protagonisten. Gauch spürt die kritischen Stellen auf, wo sich die Schichten reiben: er geht in den Pausenhof und ins Lehrerzimmer, in die Sprechzimmer der Psychologen und die Studierzimmer der Philosophen, er beschreibt scheinbar fast emotionslos, wie Lehrer und Schüler, Penner und Psychologen, Liebende und (sich irgendwann auch) Hassende miteinander sprechen oder aneinander vorbeireden.Die Tagebuch-Sequenzen einer Sucht-Gefährdeten aus gutem Haus tun ein Übriges, die Disparatheit einer an sich selbst irre gewordenen Gesellschaft aufzuzeigen. Aber Gauch reibt kein Salz in die Wunden, er ätzt die sich überstürzenden Ereignisse nicht mit Ironie und Sarkasmus. Mit der trotzigen Hellsichtigkeit jener Generation, die den generellen Utopieverlust nicht zugelassen hat, setzt er dem Autismus das Verständnis entgegen, der Lieblosigkeit die tätige Sympathie, dem Sinnverlust im Kapitalismus die Kraft der Freundschaft und Zuwendung. Hier hat ein nicht zu kurierender Optimist nicht zuletzt einen Erziehungsroman
geschrieben, auch wenn der darin geschilderte, an seinen Maximen scheiternde Vater am Ende
seine Tochter verliert." Leseprobe 1: Zum ersten Mal hatten sie das Spiel in der Pizzeria gespielt, als von der Autorengruppe niemand aus dem harten Kern gekommen war, nur ein klopsrunder, stark schwitzender Germanistikstudent mit Neurodermitis. "Wenn sonst keiner kommt, dann nehmen wir doch lieber dein Motorrad und brausen los", sagte Anna. "Du hast ein Motorrad?" Der Germanistikstudent war froh, ein Thema gefunden zu haben. "Aber ja", sagte Anna, "eine Harley Davidson. Damit geht es ab über den Highway." "Ja, durch Texas, immer schnurgeradeaus." "Ich werde meine weißen Hosen anziehen und die weiße Seidenbluse." "und deine roten Schuhe, die mit den ganz hohen Absätzen." "Ja, und du darfst deine Ray-Ban-Sonnenbrille nicht vergessen." Der dicke Student bekam glänzende Augen. "Ihr wollt mit dem Motorrad durch Amerika? Toll! Und wann fahrt ihr los?" "Wann fahren wir los, Anna?" "Heute Nacht. Einverstanden?" "Ja, ich fahre bei dir vor und sage: komm!" "Und ich steige aus." "Wortlos?" "Wortlos. Du brauchst nur komm! Zu sagen und ich komme." Der Dicke sah von einem zum anderen. Zweifelnd, fragend. "Heute Nacht? Und nach Amerika?" "Ja sicher. Das Motorrad packen wir ins Flugzeug." "Ihr wollt mich verarschen." Anna und Dorn sehen sich an; lachen schallend. Der Dicke ist beleidigt. Aber Anna und Dorn wollen sich noch einen passenden Abgang verschaffen. "Komm, lass uns gehen, die PanAm wartet nicht." "Ja, wir müssen noch Jeans und T-Shirts und die Zahnbürsten packen und tschüss!"
Leseprobe 2: Margarethe blieb misstrauisch. Sie hatte Angst um Patricia und sprach dies auch aus. Dorn beruhigte sie. Er vertraute Patricia, verließ sich auf ihr Wort. Margarethe nutzte dennoch die Zeit, in der Patricia abwesend war, um in ihrem Zimmer nachzusehen. Immer wieder kam sie mit Indizien an. Valium und starke Schmerztabletten fehlten. Margarethe fand sie unter Patricias Pullovern versteckt. Patricia nahm systematisch ab. Nichts war ihr wichtiger, als schlank zu sein. Einen Minirock tragen zu können. War sie magersüchtig? Quatsch, sagte Patricia. Sie rauchte Zigaretten. Auch Haschisch? Ach wo, sagte Patricia. Am Marktplatz treffe sie nette Leute. Und abends sei sie ja schließlich fast immer daheim. Nicht einmal Alkohol trinke sie. Die Julia, ihre Freundin, die trinke schon morgens ein Bier. Dorn könne völlig beruhigt sein, da wäre nichts mit Drogen und so. Margarethe hatte ein Telefongespräch mitbekommen. In der Nacht solle etwas "abgehen". Man träfe sich, wenn alle schlafen würden, an der Haltestelle der Straßenbahn. Dorn blieb wach, lauschte. Er hatte Angst um Patricia. Margarethe hörte als erste, dass Patricia aufstand, durch ihr Zimmer das Haus verließ. Dorn schlich ihr nach. Patricia war ahnungslos. Unter einer Hecke zog sie einen Farbeimer hervor. In der anderen Hand trug sie einen großen Pinsel. An der Haltestelle traf sie ihre Freundin Julia. Dorn folgte beiden in großem Abstand. An einer Fußgängerüberführung blieben sie stehen, schrieben etwas. Als sie weiterzogen, las Dorn, was sie an die Betonwand gepinselt hatten: Deutschland muss sterben damit wir leben können! Sein Herz klopfte bis zum Hals, als er ihnen bis zur Autobahnunterführung nachschlich. Julia hielt den Farbeimer, Patricia schrieb RAF dich auf. Um das A in der Abkürzung für die "Rote Armee Fraktion" hatte sie einen Kreis gezogen, das Symbol der Anarchisten. Da stand Dorn vor ihr. Patricia sah ihn mit riesigen Augen an. "Gibst du mir bitte Eimer und Pinsel?" Wortlos reichte sie ihm beides, sah ihn weiter unverwandt an. "Kommst du jetzt bitte mit heim?" Patricia trottete hinter ihm her, Julia machte sich aus dem Staub. Auf dem Rückweg redeten beide kein Wort. Er stellte den Farbeimer in den Abstellraum. "Du gehst jetzt am besten ins Bett, Patricia." Patricia nickte und verschwand. Am nächsten Tag erst nahm Dorn wahr, dass es noch andere Parolen gab, alle in der selben Handschrift, die schon früher aufgepinselt wurden: Wir wolln keine Bullenschweine, Shit macht fit und Destroy Power not People. Leseprobe 3: "Das habe ich dir vom Konzert der Stones mitgebracht." Aus ihrer Umhängetasche holt sie eine Postkarte, die lang ausgestreckte rote Zunge, das Signet dieser Rolling-Stones-Welttournee; sie habe es auf dem Konzert für ihn erstanden. Dorn bedankt sich, betrachtet die Karte, wird eifersüchtig auf Jonas, der mit Anna auf dem Konzert sein durfte, legt die Karte mit der Zeichnung nach unten neben sein Glas auf die Tischdecke. Dort vergisst er sie beim Weggehen. Neben dem Antiquitätengeschäft stehen beide lange, Dorn hält sie in seinen Armen, bis sie ihn in den Haaren packt: "Ich möchte mit dem Schnellzug fahren und möchte, dass du mich überholst. Überholst du mich? Wenigstens einmal? Das Liebe, das mit dem Blumenschenken und so, das ist ja blöd." "Und wenn ich dich überholt habe?" Anna strahlt jetzt. "Dann kannst du auch das Weiche nehmen, dann kannst du mit dem Rasenmäher den ganzen Versailles-Garten abmähen und über uns legen. Dann ist auch das Weiche okay. Oder man müsste Maiskolben den Bart abmachen. Und sich auf einen Berg glatter Maiskolben legen." Sie lehnt sich an ihn und lässt sich dann fallen, darauf vertrauend, dass sie in seinen Armen lande. Er fängt sie auf, kann sie noch knapp über dem Kopfsteinpflaster umfassen, nimmt sie hoch, dreht sich, Anna in seinen Armen, um sich selbst, so oft, bis er schwindlig wird. "Die Welt dreht sich um dich, Liebes", sagt er, setzt Anna ab, torkelt etwas. Sie hält ihn fest, ist ganz glücklich: "Das ist es!" Pressestimmen: "Die beiden zentralen Handlungsstränge des Romans schildern das tragische Schicksal des orientierungslos durchs Studentendasein irrenden Mädchens Patricia, das als Tochter des Erzählers eingeführt wird, sowie die in Gewalt und Tod endende Affäre mit der rätselhaften, aus einer anderen Beziehung fliehenden Anna. Gerade hier fällt auf, wie schön Gauch psychologische Spannung aufzubauen versteht, wie bedächtig er die Nöte des Erwachsenwerdens mit den fast hysterischen Bemühungen um Sinnsuche, aber auch die Abgründe der Liebe aufzublättern vermag." (Jens Frederiksen, Allgemeine Zeitung) "Patricia - ratlos im Zirkushimmel der Drogen. Der Schritt ins Leere. Patricias Gegenbild ist Anna, Dorns neue Freundin. Dies Liebesgeschichte, der zweite Handlungsstrang, glanzvoll beschrieben, ist über eine lange Strecke des Romans eine leichte, wenn auch nicht unkomplizierte Romanze, eine Hoffnung angesichts von Patricias Irrweg." (Günter Krall, Die Rheinpfalz) "Was ist das? Ein kunstvolles Geflecht: Handlung, Reflexion und Rückblenden, immer wieder Rückblenden. Verwirrend, wie ein Suchbild oft. Und doch konsequent. Fesselnd, man kommt von dem Buch nicht los, das packend und erschütternd ist. Und schlimm. Ein bedeutendes Buch. Eine Vater-Tochter-Beziehung und eine fortgesetzte Vatergeschichte... Gauch erweist sich als sensibler Seismograf unserer Welt. Ordnende Kräfte fehlen, Normen haben ihre Gültigkeit verloren. Ein bemerkenswertes Buch. Kein leichtes Buch. Empfehlenswert? Ganz gewiss." (Werner A. Güth, Die Bücherei) "Wie in einem Derrick-Krimi wählt der Autor Gauch die nächtliche Stadt als dramaturgisch wirkungsvollen Ort des Geschehens, lässt Charaktere überraschend auftauchen, verlangsamt den Handlungshergang, um die Figuren in ihrem jeweiligen Lebenskontext zu verankern und ihre Gedanken- und Gefühlswelt aufzuspüren. Dabei setzt Gauch die Sprache mimetisch ein, wechselt von dem Jugendslang zum Lehrerjargon oder zum poetischen Diskurs, und verbindet die Kritik an einer selbstgefälligen Generation mit einem verbrämten ideologischen Revisionismus. Aber hinter der Gesellschafts- und Zeitgeistkritik versteckt sich ein Krimi: ein Roman, in dem ein Mord geschieht und nach vielen Verwicklungen aufgeklärt wird. (Stefana Sabin, Südwestrundfunk) "Da sieht sich der Autor als Aufklärer, wie auch in seinem jüngsten Roman. Der ist zwar nicht autobiografisch, spielt jedoch mit autobiografischen Versatzstücken. So beschreibt er etwa, wie Werke des Vaters wieder auftauchen und mit einem Mischmasch aus esoterisxchem Humbug und Neonazi-Parolen neuen Humbug für alten Unsinn bilden. Doch erst einmal handelt Winterhafen von Beziehungen: Vom Versuch, Liebe zu geben, und dem Scheitern daran." (Gerd Blase, Mainzer Rhein-Zeitung) "Nicht nur Dorn, der im Zuge seiner Selbsterforschung ganz nebenbei ein Verbrechen aufklärt, auch andere Figuren Gauchs sind, wenngleich meist ausschließlich in eigener psychologischer Sache, akribische Spurensammler und somit enge Verwandte des klassischen Detektivs." (Klaus-Peter Walter, Lexikon der KriminalLiteratur) "So viel Liebe, so viel Leid. Wer jetzt allerdings vermutet, Gauch habe einen düsteren, schwermütigen Roman geschrieben, irrt. Gerade bei der Beschreibung des Alltags in Schule, Uni und Literaturszene, aber auch in Dorns durchaus kreativem Liebesleben gelingen dem Autor viele genau treffende, mit Heiterkeit und sanfter Ironie durchzogene Passagen. Zweifellos, Gauch ist ein großer Erzähler, der (keine Übertreibung!) in die Champions League der zeitgenössischen deutschen Literatur eingeordnet gehört. Perfekt der Aufbau des Romans: Trotz des häufigen Wechsels der Zeitebenen geht für den Leser nie der rote Faden verloren. Sowohl Sprache als auch Struktur des Textes sind varianten.- und nuancenreich und nicht mal im Ansatz gekünstelt oder "gewollt literarisch", wie das bei manch anderen Veröffentlichungen der Fall ist. Ein glänzender Roman, der seine Gattungsbezeichnung wahrlich verdient. Gauch liefert ein umfassendes Bild einer Epoche bzw. einer Generation, die, wie Gabriele Weingartner richtig schreibt, den generellen Utopieverlust nicht zugelassen hat... Winterhafen ist ein Liebesroman, ein Kriminalroman, ein Erziehungsroman, ein gesellschaftskritischer Roman. Ein Werk, das in jeden Bücherschrank und im Klassensatz in viele Schulbibliotheken gehört." (Günter Helfrich, GEW-Zeitung Rheinland-Pfalz) "Ich habe Winterhafen mit Vergnügen gelesen. Das ist vielleicht nicht das richtige Wort für diesen Roman, aber ich las ihn doch sehr gespannt. Mit "Winterhafen" ist dem Autor ein sehr aufregendes Buch gelungen. Es ist ein Zeitroman im besten Wortsinn. Ungeheuerlich viele Tages- und Zeitthemen werden angesprochen, doch sehr klug wird der Eindruck der Überfülle vermieden. Besonders beeindruckend und berühren sind die Texte der Halbwüchsigen; sie wirken ungemein authentisch und geben auf ihre Art ein Bild der Zeit. Überraschend ist, wie ausführlich Sigfrid Gauch die Liebes- und Beziehungsgeschichten in den Roman einbaut und verwebt. Diese werden sehr selbständig, ohne aber den eigentlichen Zeitroman zu beschädigen, der für mich das Gewichtigste des Buches darstellt. Wenn man Deutschland am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts kennen lernen will, gibt "Winterhafen"“, bei aller Individualität, ein sehr genaues Bild dieses Landes und dieser Zeit. Nein, ein Krimi, wie ich irgendwo las, ist das Buch nicht, aber sehr spannend." (Christoph Hein) Im Netz unter: http://www.sigfrid-gauch.de |