Sigfrid Gauch: Vaterspuren

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Sigfrid Gauch: Vaterspuren. Eine Lebensgeschichte. Überarbeitete und ergänzte Neuausgabe. Frankfurt am Main 2005: Verlag Brandes & Apsel, 248 Seiten, Euro 17,90
ISBN 3-86099-517-0


Auszüge:

Wenn Vater zu erzählen anfing, war das meist im Café. Auch später, als wir schon in die Stadt gezogen waren und ich nicht mehr im Internat wohnen musste, trafen wir uns nach der Schule im Café. Dort musste ich die Hexameter des Homer ins Deutsche übersetzen, und er hörte mich lateinische Vokabeln ab.
Dass dadurch alle Kaffeehausbesucher an meinem Wissen oder besser Nichtwissen teilnehmen konnten, störte ihn nicht. Dass ich oft vor Wut oder Scham Tränen in den Augen hatte, konnte er nicht sehen: Er schaute in die lateinische Grammatik. Dass ich lieber Brecht las und François Villon, Elias Canetti und Peter Weiss, merkte er wohl; aber er reagierte nicht darauf, sondern erzählte stattdessen von dem, was er früher gelesen habe.
Dass er in einem Semester in Köln die ganze indogermanistische Bibliothek durchgearbeitet habe und dann einen Aufsatz über Runen verfasste; dass er dort in der "Deutschen Zeitung" einen Artikel gelesen habe von einer Versammlung in München, zu deren Schutz zwei Hundertschaften aufmarschierten, die rote Fahnen mit einem Hakenkreuz auf weißem Feld trugen und sich nationalsozialistische Sturmabteilung nannten.
"Wann war denn das", frage ich, dankbar, ihn so von den Vokabeln ablenken zu können.
"Im Spätsommer 1922", sagte er.
Damals hatte auch Brecht in München studiert, dachte ich, und zur gleichen Zeit wie Vater besuchte Brecht ein Gymnasium in Augsburg. Vater das Sankt-Anna-Kollegium, Brecht das Realgymnasium.
"Hast du Brecht eigentlich nicht gekannt?", frage ich ihn."In Augsburg habe ich niemanden gekannt", sagte Vater unwirsch, "da habe ich in meiner Freizeit nur gelernt; aber als ich dann in Köln diesen Artikel las, da sagte mir eine innere Stimme, dass das die Bewegung der Zukunft sei. Ich packte meine Sachen und reiste mit Semesterbeginn gleich nach München. In den Semesterferien hatte ich als Hilfsarbeiter auf dem Bau gearbeitet. Ich musste dort ununterbrochen Kies in Schubkarren fahren; dabei hatte ich mir am Arm eine Sehnenscheidenentzündung geholt. Das Geld, das ich verdiente und das Krankengeld für diese Entzündung reichten dann gerade für die Fahrkarte nach München."
"Hast du dort auch Hitler kennengelernt?", fragte ich.
"Sicher", sagte Vater abwinkend, "aber das war erst später. Zuerst einmal ging ich in die Corneliusstraße 12, ins Parteibüro der NSDAP. Dort zeigte ich meinen Ausweis als Bauhilfsarbeiter und fragte, ob sie mich nehmen wollten, eigentlich wäre ich Arbeiter ja nur nebenberuflich. Ich dachte nämlich, eine Arbeiterpartei wäre nur für Arbeiter. Aber die lachten mich aus und sagten, als Student müsse ich ja auch arbeiten."
"Und dann hast du Hitler getroffen", frage ich noch einmal.
"Ja, bei der nächsten Versammlung", sagte er. Vater sprach ziemlich laut, und die Leute, die im Café am Nebentisch saßen, hatten schon längst ihre Gespräche eingestellt. Sie bemühten sich, interessiert zum Fenster hinauszuschauen und setzten ihre Kaffeetassen ganz leise auf die Unterteller zurück. Vater merkte nichts davon.
"Ich war zur zweiten Hundertschaft der SA eingeteilt worden, die gerade erst aufgebaut wurde", sagte er. "Hitler sprach im großen Saal des Hofbräuhauses. Ich war an der Treppe zum Saal eingeteilt und sollte niemand mehr hinauflassen, da der Saal wegen Überfüllung schon polizeilich gesperrt war. Da wollte sich ein älterer Mann an mir vorbeidrängen. Ich begann schon ein Handgemenge mit ihm, weil er sich nicht abweisen lassen wollte, bis er sagte: Ich bin Dietrich Eckart." Vater schmunzelte in der Erinnerung.
"Und wer war das?", fragte ich.
Vater schaute erstaunt und ärgerlich; ich fühlte einen Stich in der Magengegend und bekam ein schlechtes Gewissen.
"Das weißt du nicht? Was lernt ihr eigentlich in der Schule? Eckart war Schriftsteller und Hauptschriftleiter des Völkischen Beobachters". Eckart interessierte mich weniger; "und Hitler?", fragte ich.
"Mit Hitler persönlich kam ich dann im Dezember 1922 zusammen", sagte Vater. "Er sollte in Göppingen sprechen. Bei der Abfahrt ließ er uns, die wir als Saalschutz eingeteilt waren, noch einmal in München in einer Gastwirtschaft um sich herum antreten. Er ging von einem zum anderen, gab jedem die Hand und schaute mir so fest in die Augen, dass ich ein ganz komisches Gefühl dabei bekam. Hitler sagte dann, auf einem Bierfass stehend, in einer Rede zu uns: Heute Abend wird es hart hergehen, und wer auch nur einen Schritt zurückweicht, dem reiße ich persönlich die Abzeichen herunter!""Und in Göppingen?", fragte ich.
Die Leute am Nebentisch sahen mehrmals auf ihre Uhr, machten aber keine Anstalten zu gehen. Vater war in Fahrt geraten, aber ich wagte ihn nicht zu bitten, leiser zu sprechen.
"Die Kommunisten waren schon lange auf Lastwagen nach Göppingen geschafft worden", sagte er, "aber in letzter Stunde verbot dann die württembergische Regierung die Versammlung. Daraufhin marschierten wir auf die andere Seite der Donau, um einen Sprechabend abzuhalten. Schon auf dem Weg zur Brücke wurden wir von den Kommunisten mit Pflastersteinen beworfen, und als wir auf der Brücke waren, fingen sie zu schießen an. Ohne Rücksicht. Verwundete und Krankenschwestern wurden noch einmal extra niedergeschlagen."Später finde ich in Vaters Papieren, dass eine dieser Krankenschwestern "Schwester Pia" war, die auch am 9. November 1923 in München am Marsch auf die Feldherrnhalle teilgenommen hatte. Nach dem Krieg war die SS-Oberführerin eine Ikone der Nationalen, die Autogrammkarten verteilte, auf denen Hitler mit beiden Händen ihre Hände umfasst. "Schwester Pia, die einzige Trägerin des Blutordens, darf dem Führer persönlich Glück wünschen", steht darunter gedruckt. Beim legendären Sturm auf den Annaberg in Oberschlesien wurde sie verwundet; bekam beim Bergen eines Verletzten aus einem Kornfeld einen Oberschenkelschuss. Schwester Pia alias Eleonore Baur soll im Konzentrationslager Dachau Furcht und Schrecken verbreitet haben und bei medizinischen Experimenten besonders grausam vorgegangen sein, weshalb sie als "Blutschwester Pia" oder "Engel von Dachau" bezeichnet wurde, wie es in einem Bericht über "Hitler und die Frauen" heißt. Von ihr gibt es eine Reihe von Briefen an Vater aus der Zeit um 1974. Sie erinnert sich an die "Schlacht" von Göppingen, an den SA-Mann, den sie mit einem Lungenschuss ins Krankenhaus geleitete und drei Tage später mit der Bahn wieder nach München brachte, wo Hitler, Rudolf Heß und Anton Drechsler sie am Bahnhof begrüßten. In der NSDAP hatte sie die Mitgliedsnummer 9, schreibt sie. Zu ihrem 89. Geburtstag sei ein Meer von Blumen gekommen, Dönitz gratulierte und die in Italien inhaftierten Kriegsverbrecher Walter Reder und Herbert Kappler "gedachten meiner". Hitler war für sie immer noch einer der "großen Männer der Weltgeschichte", ein "Krieger für die Menschlichkeit" und ein "Reformator von höchstem Rang", den die Vorsehung leider in einer Zeit unvorstellbarer Brutalität habe wirken und schließlich erschlagen lassen."Mein rechter Nebenmann erhielt einen Beinschuss", sagte Vater im Café; "der SA-Mann, der links von mir lief, einen Brustschuss." Es war derselbe, von dem Schwester Pia schrieb.
"Hat denn die Polizei nicht eingegriffen?", wollte ich wissen.
"Ach, die Polizei", sagte Vater, "die rief doch nur von weitem ihr Sprüchlein: Im Namen des Gesetzes... Als dienstältester Frontsoldat musste ich dann die Hundertschaft übernehmen; sie bestand hauptsächlich aus Studenten, weil die sich leichter für solche Unternehmungen frei machen konnten als die Arbeiter. Ich übernahm dann die Außensicherung, bis die Polizei aus drei Städten anrückte und uns zum Bahnhof brachte. Sie ließen uns ungehindert abfahren, aber in Ulm wurden wir dann doch noch festgenommen und wegen Landfriedensbruchs angeklagt. Sie durchsuchten uns gründlich nach Waffen, ich aber hatte meine Pistole auf den Bauch geschnallt. Weil sie diese nicht fanden, wurde ich von der Anklage wegen 'Bildung bewaffneter Haufen' freigesprochen."
"Damals war die Pfalz doch unter französischer Regierung", sagte ich. "Gab das keine Schwierigkeiten?"
"Was heißt da Schwierigkeiten", fragte Vater ironisch zurück, "wir kämpften unablässig gegen die Separatisten, bestreikten ihre Eisenbahnen, lockerten die Schwellen der Bahnschienen, um ihre Transporte verunglücken zu lassen und gingen illegal mit gefälschten Papieren über die Zollgrenzen am Rhein. Meist war ich mit meiner ganzen Kriegsausrüstung unterwegs, mit Pistolen, Munition und Handgranaten. Außerdem schmuggelte ich gefälschte Papiere und war als Kurier eingesetzt. Die französische Besatzung bestand fast immer aus Kolonialsoldaten und sprach selbst nur gebrochen französisch. Da gab ich mich immer als Franzosen aus, meinen Akzent hörten sie ja nicht, und kam so durch die Kontrollen. Einmal aber half mir die ganze französische Rederei nichts, ein Posten war misstrauisch geworden. Ich musste meinen Koffer öffnen, in dem sich oben meine Wäsche und die persönlichen Sachen befanden, darunter aber die ganzen Waffen. Er begann Stück um Stück herauszunehmen und ich überlegte mir schon, ob ich ihm sein Gewehr entreißen sollte, um ihn zu erschießen. Da hatte er bereits die Verbandspäckchen in der Hand, die wir ja nach den Schießereien oder Saalschlachten immer brauchten. Qu'est-ce que c'est que ça? fragte er. Ich antwortete, das seien Verbandspäckchen, die ich als Arzt immer bei mir tragen müsse. Vous êtes médecin? fragte er dann ehrfürchtig, und als ich Oui, monsieur, sagte, klappte er meinen Koffer wieder zu.""Warst du nicht damals auch dabei, als der Präsident der Pfalz erschossen wurde?", wollte ich wissen.
"Bei der Erschießung selbst nicht", sagte Vater. "Dafür hatten wir Freikorpsmänner geholt. Sie sollten als Nichtpfälzer die Vollstreckung des Todesurteils vollziehen, das wir gefällt hatten. Wir waren damals, Ende 1923, acht Mann im Heidelberger Hof in Heidelberg; dort arbeiteten wir den Plan seiner Erschießung aus. Vorher aber sollte mein Bruder Karl noch seinen Hof in Orbis in Brand stecken, als flammendes Signal sozusagen. Er hatte sich den Kopf mit weißen Binden umwickelt und diese mit Hühnerblut angestrichen. So fuhr er auf dem Fahrrad in den Hof von Franz Josef Heinz, der sich als Präsident der Autonomen Regierung der Pfalz Heinz-Orbis nannte und sagte zu dessen Schwester, Nazis hätten ihn so misshandelt, und er sei ein Anhänger ihres Bruders. Sie hat ihn bewirtet und bot ihm dann ein Bett zum Übernachten an. Er sagte aber, er wolle lieber im Heu in der Scheune schlafen, dort sei er vor den Freikorpsleuten sicherer. In der Nacht hat er dann den Hof angesteckt und ist geflüchtet."Vaters Gesicht strahlte. Er war lebhaft und laut wie selten. Ich schaute ab und zu ängstlich um mich, erwartend, dass am Nebentisch jemand aufspringe, sich empöre. Aber in der Pfalz schien man diese Geschichten immer noch zu genießen.
"Auf dem Steckbrief, den die Franzosen dann herausgaben", sagte Vater, "stand als Beschreibung meines Bruders Karl: Schmales Gesicht, weißblondes Haar, blaue Augen, schmale Hände, gepflegte Fingernägel, spricht hochdeutsch, vermutlich Student."
Heinz-Orbis, der Präsident, habe damals nach dem Brand orakelt: Jetzt weiß ich, dass auch die Kugel für mich schon gegossen ist.
"Und so war es auch", sagte Vater, "zwei der Freikorpsmänner sind bei dem Attentat umgekommen, aber Heinz-Orbis auch. Doch, um es nicht zu vergessen: Entspricht einem Nebentempus im übergeordneten Satz bei Vorzeitigkeit im abhängigen Satz der Konjunktiv Imperfekt oder der Konjunktiv Plusquamperfekt?"
Die Leute am Nachbartisch riefen nach der Bedienung, um zu zahlen.


Pressestimmen:

"Was Sigfrid Gauchs Erzählung vor allen anderen Väter-Biographien auszeichnet, ist der realistische, weder durch Beschönigung vergoldete, noch durch vorschnelle Verurteilung geschwärzte Blick, der den Vater von Anfang an in seinen Widersprüchen sichtbar werden lässt. H. Gauch gehörte zu den aktiven Nationalsozialisten der ersten Stunde (Eintritt in die NSDAP schon 1922), hatte sich aktiv an den Kämpfen rechtsradikaler Freikorps-Verbände beteiligt, avancierte kurzfristig sogar zum Leibarzt und kulturpolitischen Adjutanten Heinrich Himmlers in der Reichsführung SS und wurde vom Hauptankläger im Eichmann-Prozess als einer der geistigen Urheber der Judenvernichtung genannt - eine Biographie also, die den Sohn nur das Gruseln lehren konnte. Gauchs Leistung besteht indessen darin, dass er nicht vor jenem Nazi-Monster erstarrt, als das sein durch den Eichmann-Prozess kompromittierter Vater der Nachwelt erscheinen musste. Da dieser sich ihm vor allem als Mensch mit durchschaubaren Schwächen, zugleich als fürsorglicher Vater vermittelt hat, vermag er ihn auch nicht allein mit den Augen des Staatsanwaltes zu sehen. Er sucht vielmehr, die Wege nachzugehen und die Motive zu erforschen, die jenen aus der rheinischen Provinz bis in die Berliner Zentrale der Reichsführung SS geführt haben."

Michael Schneider: Den Kopf verkehrt aufgesetzt oder Die melancholische Linke – Aspekte des Kulturzerfalls in den siebziger Jahren. Darmstadt (Sammlung Luchterhand 324) 1981; darin "Vaterspuren" S. 29-52.

"Es kommt hinzu, dass das Ganze – und auch darin ist dieses Buch bemerkenswert – mit einer Direktheit und radikalen Offenheit sondergleichen berichtet wird."

Reinhold Grimm, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung.

"In einer sachlichen bis gefühlvollen, auf jeden Fall unprätentiösen Sprache geht es in dieser Erzählung, in der nur wenige fiktive Elemente enthalten sind, um die Aufarbeitung und Abarbeitung eines Stücks deutscher und europäischer Geschichte, die bis in die heutige Wirklichkeit hineinreicht."

Wolfgang Minaty, in: Neue Zürcher Zeitung.

"...ein unerbittlicher Forschungsbericht, der die misslungenen Taten eines nahestehenden Menschen aufrollt... Mit "Vaterspuren" hat Sigfrid Gauch empfindsam einen Konflikt protokolliert, eine sparsam poetische Prosa-Akte geschrieben, durch die der Leser erfährt, wenn er es nicht schon aus eigenem Erleben und Nachdenken weiß, dass selbst das Ableben dieser törichten Machtgewinnler für diese Gesellschaft die Problematik einer Wiederholung nicht garantiert."

Ludwig Fels, in: Basler Zeitung.

"Die radikale Distanz – Bewältigung nannte sich das – mit der die Kinder sich nach 1945 von ihren Vätern, den Vätern des Krieges, absetzen sollten, erweist sich im Nachhinein nur als Kehrseite jener Vermeidung, die als Unlust an der eigenen Geschichte hierzulande im wörtlichen Sinne Schule machte. Zu glatt waren die gut gemeinten Urteile: jener war Nazi und Mörder, dieser war Widerständler und Opfer. Erst die Verwicklung der Kinder in die nun von ihnen selbst zu verantwortenden Widersprüche der Gegenwart führt allmählich zur Suche nach der Vatersperson, nach den Motiven, Glücksvorstellungen, dem tieferen Grund der moralischen Katastrophe. Erst im Sterben der Väter scheint sich jener schmale Freiheitsraum zu öffnen, in welchem die Töchter und Söhne zu eigenen Urteilen aufbrechen. Von "Spuren" schreibt darum konsequent Sigfrid Gauch in seiner ersten Erzählung... Verzeihen kann ihm dies der Sohn nicht – aber zu verstehen versucht er, führt fiktive Gespräche, monologisiert, erinnert sich, trägt Dokumente zusammen: ein Erzählkreis..."

Gert Heidenreich, in: Die Zeit.

"Sigfrid Gauch zeichnet das Bild eines Akademikers, der sich durchjonnglierte in einer Republik, die einen Hans Globke, den Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, als engsten Berater des Bundeskanzlers Adenauer agieren ließ. Als der Vater 1978, mit 79 Jahren, starb, ließ er den Sohn mit den Fragen nach Schuld und Sühne allein."

Jürgen Serke, in: Der Stern.

"Das Buch des Gauch junior gehört zur Reihe der Bücher, die Ende der 70er bis Anfang der 80er Jahre in Deutschland erschienen sind, in denen die Söhne mit der Nazi-Vergangenheit ihrer Väter abrechnen. Zwei Bücher sind in diesem Zusammenhang besonders bekannt: Vespers "Die Reise", eine eindringliche Auseinandersetzung des Sohnes mit seinem Vater, nach deren Niederschrift der Sohn sich das Leben nahm. Das zweite Buch, von Nikolas Frank geschrieben, dem Sohn des verruchten Gauleiters von Polen, verursacht bei mir ein gewisses Unbehagen. Die Art wie der Sohn seinen Vater verflucht, erzeugt das merkwürdige Gefühl, dass der Sohn durch diese Art zu schreiben versucht, sich von dem Einfluss des Vaters zu läutern. Der Redestil erinnert auf eine erschütternde Weise an den Stil des Vaters im nazi-jüdischen Zusammenhang, jetzt gegen den Vater selbst gerichtet. Von diesem Gesichtspunkt aus ist Gauchs Buch das weniger tiefschürfende, aber nicht das minder interessante dieser Bücher. Der Sohn versucht das Unmögliche zu tun: Die Sympathie des Vaters dem Naziregime gegenüber zu kritisieren (die sich nach 1945 um keine Spur änderte), und gleichzeitig auch die positiven Gefühle, die jeder Sohn seinem Vater gegenüber hat, zum Ausdruck zu bringen. Diese Gefühle erscheinen im Buch über Kindheitserinnerungen, die im Sohn aufsteigen - beim Tod des Vaters und der Beerdigungsfeier - in einem deutschen Dorf, in dem sich in den letzten Jahrzehnten nichts, so scheint es, verändert hat. Der Sohn, der heute zur anderen Seite der politischen Landkarte im neuen Deutschland gehört, schildert daher die Ereignisse, die ihn im Verlauf der Vorbereitung des Begräbnisses umgeben, aus einem gewissen Abstand, als würde er ein Spiel beobachten an dem er keinen Anteil hat. Wer war der Vater? Der Vater Gauch war Arzt, dessen Name im Eichmann-Prozess erwähnt wurde. Er erhielt dort den Titel "Schreibtischmörder" (welcher seitdem auch Eichmann angeheftet wurde). Er "gewann" diesen Titel für die Zeit, in der er politischer Adjutant Himmlers war, und wegen seiner unerbittlichen Unterstützung der "endgültigen Lösung des Judenproblems". Der Sohn Gauch hat ein doppeltes Problem: Einerseits war der Vater schon seit den 20er Jahren ein Vollblutnazi, und das bis zum Ende seiner Tage, weit bis in die 70er Jahre im "anderen Deutschland". Der Vater war so oder anders mit den schrecklichen Dingen verbunden, die in dieser Zeit stattfanden, aus Begeisterung und dem blindem Glauben an die Notwendigkeit der "Reinheit der Rasse". Andererseits wird ersichtlich, dass sich der Vater in dieser finsteren Zeit durch nichts auszeichnete, außer vielleicht durch die hingebungsvolle ärztliche Behandlung, die er den einfachen Deutschen im seinem Dorf zuteil werden ließ. Der Vater wechselte im Laufe seines Lebens seine Stelle mehrfach, ohne Grund, und ist an keiner geblieben. Auch seine Beziehung zum Sohn, vom Gesichtspunkt des letzteren, ist durchdrungen von Widersprüchen und Gegensätzen, die im Verlauf des Buches nicht gelöst werden. Einerseits zeigt der Vater ein gewisses Engagement seinem Sohn gegenüber, was für viele Väter der Nachkriegszeit nicht selbstverständlich war, andererseits offenbart er eine Härte und das Verlangen nach absolutem Gehorsam, welche bei vielen von uns sich mit jenem "Deutschtum" vereinbart, das wir mit der Nazizeit verbinden. Ob und wie man also mit einem solchen Vater abrechnen kann? Das Buch demonstriert die eigentliche Unmöglichkeit, zu einem eindeutigen Resultat bezüglich der Frage zu kommen: Wer war eigentlich der Vater? Was wollte er erreichen, und was bedeutet das alles für den Sohn, der in seinem Schatten aufwuchs und ihn nun auf seinem letzten Weg begleitet. Im Gegensatz zu Vesper, der sich bis zum Verderb mit seinem Vater quälte, und zu Frank, der seinen Vater verfluchte und ihn so aus seinem Leben auszutreiben versuchte, besteht die Bedeutung dieses Buches in der Fähigkeit des Sohnes, seinen Vater als ziemlich blasse, fast lächerliche Gestalt darzustellen; deren Verbundenheit mit der monströsen Nazi-Vergangenheit für den Vater keinerlei erwähnenswerte Aura oder Besonderheit schafft. Hier ist zweifellos der Ausspruch gültig, den Hannah Arendt im Verlauf des Eichmann-Prozesses prägte: "Die Banalität des Bösen". Der nazistische Teufelsapparat stützte sich ohne Zweifel auch auf solche Menschen, Teils Opportunisten, Teils Idealisten, und ein Teil davon eine Mischung von beiden, die sich durch nichts auszeichneten außer durch der Tatsache, dass das Aufkommen Hitlers ihnen eine Gelegenheit bot, jemand oder etwas zu werden. Hier wäre es vielleicht wichtig zu erwähnen, dass der Prozentsatz der Ärzte die sich der NS-Partei anschlossen, höher war als bei allen anderen Berufsverbänden. Zum Teil waren sie später an dem Vorgang der "Euthanasie" beteiligt, welche den Auftakt zur Judenvernichtung ausmachte. Was diese Gruppe charakterisierte, war der absolute Glaube an die biologische Vision (der Rassenreinigung), mit welcher das Naziregime sie beauftragte. Vater Gauch war an einer Affaire persönlich beteiligt, die bei uns relativ wenig bekannt ist, da sie sich am Rande der Vernichtung abspielte und mit den Juden nicht verknüpft war. Im Laufe des Krieges verschleppten die Nazis polnische christliche Kinder, die ihrer Meinung nach zur Veredelung der Rasse beitragen sollten. Sie untersuchten die Verschleppten nach neun Kriterien, welche sich weitgehend auf deren äußeres Aussehen stützten. Insofern die Kinder den Kriterien entsprachen, wurden sie zur Adoption in Nazi-Familien gegeben. Entsprachen sie den Kriterien nicht - wurden sie zur Vernichtung in die Todeslager verfrachtet. Im Laufe des Krieges wurden 200.000 solcher Kinder verschleppt, die Mehrzahl wurde vernichtet, oder sie wissen nichts von ihrem vorigen Lebensgang. Kathrin Kley von der BBC hat in den 80er Jahren einen Film gedreht, in dem ein solcher erwachsener Mann beschrieben wird, der verschleppt wurde und im Verlauf des Krieges in einer deutschen Familie aufwuchs. Nach dem Krieg ist es ihm gelungen, seine polnische Mutter zu finden, seitdem lebte er zwischen den beiden Müttern. Eine weitere Chrakteristik der Bosheit, die man sich kaum vorstellen kann, und leider nicht mit dem Ende des Naziregimes zu Ende ging. Während der Trauertage nach des Vaters Tod untersucht Sigfrid Gauch die Papiere des Vaters und findet eine reiche Korrespondenz mit zentralen Figuren des Naziregimes, und mit der diesem treu gebliebenen Nachkriegsgruppe. Diese Korrespondenz ist im Kapitel IV festgehalten (die Kapitel haben eine doppelte Bezeichnung, zur Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Gegenwart). Einer dieser Briefe hat meine Aufmerksamkeit besonders erweckt (S.55), von Prof. Johann von Leers, hier als "Volkskundeforscher" betitelt. "Herrn Oberst Rudel kenne ich von Argentinien her, er hat mich gerade vor wenigen Wochen hier in Kairo besucht... Das hirnlos dumme Wort "Antisemitismus", das nur die Juden aufgebracht haben, um sich hinter einer würdigen Völkerfamilie, die sie nur geschädigt haben, zu verstecken, sollten wir ganz abschaffen und nicht anwenden. Ich bin für die Semiten, weil ich gegen die Juden bin... Gerade für uns, die wir Feinde der Juden und ihrer Tradition und ihrer Tyrannei sind, sind die Völker der semitischen Sprache, besonders das edle arabische Volk, die gegebenen Verbündeten". Der Brief wurde an den Vater Gauch - von Leers, der damals, 1959, in Maádi, Kairo lebte, geschickt. Vielleicht gehörte er zur Gruppe von Wissenschaftlern, die nach Ägypten eingeladen wurden zwecks Entwicklung von Raketen zur Vernichtung Israels. Der Brief unterrichtet auch über das aktive Netz der Nazis, welches weiter existierte, zumindest mündlich, und über die Korrespondenz der Menschen, für die das Naziregime nur vorübergehend aus der Welt geschafft war. Für den heutigen Leser, in der Zeit in der in Deutschland und in anderen europäischen Ländern Gruppen von Neonazis wieder erscheinen, ist dieses Buch ein wichtiges Dokument. Es ist nicht von einem von uns, den Juden, geschrieben, die a priori als "Feind" markiert sind, sondern von einem leiblichen Sohn von einem, den sie verehren. Gauchs Schreiben erinnert gewissermaßen an die gegenwärtige Aktivität von Martin Bormann junior, welcher Mitglied der TRT-Gruppe ist, mit der ich seit 1992 zusammenarbeite, in der Täter und Opfer des Holocaust zusammenarbeiten. Bormann junior schrieb letztens ein Buch über seinen Lebenslauf, in dem er in einer ähnlichen Art wie Gauch junior mit dem Vater abrechnet. Zur Zeit hält er Vorträge vor konservativen und katholischen Kreisen, vor denen keiner von uns zu sprechen kommt, und macht auch Besuche in Strafanstalten, in denen Neonazis sitzen. Das Wichtige an seinem Werk ist, dass er ihnen von innen heraus das sagen kann, was sie von uns nicht hören wollen."
Übersetzung: Udi Levy

Ha' Aretz, 30. Januar 2002
Beichte mit gespaltenem Herzen
Sigfrid Gauch: Vaterspuren. Übersetzung: Udi Levy. Tiltan 2001.
Dan Bar-On, Professor für Verhaltensforschung an der Ben Gurion Universit ät, Beer Sheva.


Interview

"Wollen Sie Ihrem Vater die Würde retten?"
Interview in: Die Rheinpfalz, 25. 11. 2005

Sigfrid Gauch, Autor und Literaturreferent im rheinland-pfälzischen Kulturministerium, hat seinen erfolgreichen Roman "Vaterspuren" über den Nazi Hermann Gauch neu aufgelegt und erweitert. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Gabriele Weingartner hat sich mit Sigfrid Gauch über die Beweggründe für die Neuauflage und den langen Schatten des Vaters unterhalten.

G. W.: Niklas Frank, der Sohn des Judenmörders Hans Frank, hat vor kurzem die Söhne und Töchter der Täter dazu aufgerufen, unter keinen Umständen eine Versöhnung mit den Täter-Vätern zuzulassen. Bei der Neufassung von "Vaterspuren" hat man den Eindruck, der Sohn, der ja auch ein Autor ist, hätte sein Bemühen, den Vater unter allen Umständen zu verstehen, noch intensiviert. Wollen Sie Ihrem Vater die Würde retten?

S. G.: In einem Fernsehfilm über Niklas Frank und seinen Vater wurde dieser überraschend, nach vielen Hasstiraden auf seinen Vater, auf den Ruinen des einstigen Gouverneurspalastes im Sonnenuntergang sitzend, gefragt: "Lieben Sie Ihren Vater noch immer?" Und ausgerechnet Niklas Frank sagte mit zitternder Stimme: "Ja!" Diese Schlusssequenz sagt mehr als jeder Kommentar. Der Soziologe Iring Fetscher meinte einmal zu mir, in vielen von mir geschilderten Zügen meines Vaters habe er seinen eigenen wiedergefunden, obwohl sein Vater, auch ein Mediziner derselben Generation, auf der anderen Seite stand und durch die SS zu Tode kam. Das Bild des Vaters ist in der Neuausgabe nur plastischer geworden, auch in seinen eklatanten Widersprüchen: der hingebungsvollen Naturliebe wie dem fanatischen Judenhass. Ich versuche den Vater weder zu verstehen noch zu entschuldigen, ich stelle ihn dar und nicht bloß. Bloßgestellt hat er sich selbst ja schon, in seinen vielen eigenen Büchern und Aufsätzen bis in seine letzten Lebensjahre ebenso wie in seinem uneinsichtigen Handeln.

G. W.: Die neuen Quellen zeigen den Vater schon erschreckend früh als fanatischen Rassisten, den man unter bestimmten Gesichtspunkten auch als Psychopathen, zumindest als hochgradigen Neurotiker bezeichnen könnte. Wäre es nicht einfacher für Sie zu sagen: Mein Vater war psychisch gestört? Unter diesem Aspekt war er nicht ernst zu nehmen?

S. G.: Dann könnte man die gesamte Diskussion über die Nazizeit mit diesem Satz beenden, und ich hätte das Buch nicht zu schreiben brauchen. Nein: Das für mich viel Überraschendere war, jetzt erst zu erfahren, dass er in der Kriegsgefangenschaft nach dem Ersten Weltkrieg zunächst kommunistischen und sozialistischen Ideen anhing und dort langsam erst zum Antisemiten wurde. Darüber hinaus meine ich eindrücklicher zeigen zu können, wie dieser Vater in seinem Denken und seinem Handeln ein typisches, auch generationstypisches Täterprofil entwickelt. Zugleich aber geben die neuen Dokumente auch Aufschluss darüber, wie man innerhalb der NS-Führung sehr viel pragmatischer dachte und Fanatiker oft ausgrenzte. Mein Vater ist 1923 in die NSDAP eingetreten, hat gegen die pfälzischen Separatisten mit der Waffe in der Hand gekämpft und gedacht, mit der Machtübernahme 1933 breche für alle alten Kämpfer das Paradies an – mit diesem Irrtum zu leben fiel ihm schwer.

G. W.: Hätten Sie sich manchmal eine härtere Strafe für ihn gewünscht, oder haben Sie sich einen solchen Wunsch nicht erlaubt?

S. G.: Er gehörte zu denen, die auch in der Nachkriegszeit aus ihrer Ideologie nie einen Hehl machten. Und da er im Krieg als Militärarzt tätig war und kein Mörder wie manch anderer, gab es auch keinen Anlass, ihm eine Strafe zu wünschen. Er hat sich ja letztlich auch immer selbst geschadet, sowohl in seiner Karriere als auch bei seiner Gesundheit. Schon mit siebzehn habe ich eine kritische Erzählung über ihn geschrieben und in späteren Jahren noch einmal eine und ihm beide zu lesen gegeben. Er hat sie mit keinem Wort kommentiert. Aber die Standpunkte waren geklärt.

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