Sigfrid Gauch, Autor und Literaturreferent
im rheinland-pfälzischen Kulturministerium, hat
seinen erfolgreichen Roman "Vaterspuren" über
den Nazi Hermann Gauch neu aufgelegt und erweitert. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin
Gabriele Weingartner hat sich mit Sigfrid Gauch über
die Beweggründe für die Neuauflage und den
langen Schatten des Vaters unterhalten.
G. W.: Niklas Frank, der Sohn des Judenmörders
Hans Frank, hat vor kurzem die Söhne und Töchter
der Täter dazu aufgerufen, unter keinen Umständen
eine Versöhnung mit den Täter-Vätern zuzulassen.
Bei der Neufassung von "Vaterspuren" hat man
den Eindruck, der Sohn, der ja auch ein Autor ist, hätte
sein Bemühen, den Vater unter allen Umständen
zu verstehen, noch intensiviert. Wollen Sie Ihrem Vater
die Würde retten?
S. G.: In einem Fernsehfilm über Niklas Frank und
seinen Vater wurde dieser überraschend, nach vielen
Hasstiraden auf seinen Vater, auf den Ruinen des einstigen
Gouverneurspalastes im Sonnenuntergang sitzend, gefragt: "Lieben
Sie Ihren Vater noch immer?" Und ausgerechnet Niklas
Frank sagte mit zitternder Stimme: "Ja!" Diese
Schlusssequenz sagt mehr als jeder Kommentar. Der Soziologe
Iring Fetscher meinte einmal zu mir, in vielen von mir
geschilderten Zügen meines Vaters habe er seinen eigenen
wiedergefunden, obwohl sein Vater, auch ein Mediziner derselben
Generation, auf der anderen Seite stand und durch die SS
zu Tode kam. Das Bild des Vaters ist in der Neuausgabe
nur plastischer geworden, auch in seinen eklatanten Widersprüchen:
der hingebungsvollen Naturliebe wie dem fanatischen Judenhass.
Ich versuche den Vater weder zu verstehen noch zu entschuldigen,
ich stelle ihn dar und nicht bloß. Bloßgestellt
hat er sich selbst ja schon, in seinen vielen eigenen Büchern
und Aufsätzen bis in seine letzten Lebensjahre ebenso
wie in seinem uneinsichtigen Handeln.
G. W.: Die neuen Quellen zeigen den Vater schon erschreckend
früh als fanatischen Rassisten, den man unter bestimmten
Gesichtspunkten auch als Psychopathen, zumindest als
hochgradigen Neurotiker bezeichnen könnte. Wäre
es nicht einfacher für Sie zu sagen: Mein Vater
war psychisch gestört? Unter diesem Aspekt war er
nicht ernst zu nehmen?
S. G.: Dann könnte man die gesamte Diskussion über
die Nazizeit mit diesem Satz beenden, und ich hätte
das Buch nicht zu schreiben brauchen. Nein: Das für
mich viel Überraschendere war, jetzt erst zu erfahren,
dass er in der Kriegsgefangenschaft nach dem Ersten Weltkrieg
zunächst kommunistischen und sozialistischen Ideen
anhing und dort langsam erst zum Antisemiten wurde. Darüber
hinaus meine ich eindrücklicher zeigen zu können,
wie dieser Vater in seinem Denken und seinem Handeln ein
typisches, auch generationstypisches Täterprofil entwickelt.
Zugleich aber geben die neuen Dokumente auch Aufschluss
darüber, wie man innerhalb der NS-Führung sehr
viel pragmatischer dachte und Fanatiker oft ausgrenzte.
Mein Vater ist 1923 in die NSDAP eingetreten, hat gegen
die pfälzischen Separatisten mit der Waffe in der
Hand gekämpft und gedacht, mit der Machtübernahme
1933 breche für alle alten Kämpfer das Paradies
an – mit diesem Irrtum zu leben fiel ihm schwer.
G. W.: Hätten Sie sich manchmal eine härtere
Strafe für ihn gewünscht, oder haben Sie sich
einen solchen Wunsch nicht erlaubt?
S. G.: Er gehörte zu denen, die auch in der Nachkriegszeit
aus ihrer Ideologie nie einen Hehl machten. Und da er im
Krieg als Militärarzt tätig war und kein Mörder
wie manch anderer, gab es auch keinen Anlass, ihm eine
Strafe zu wünschen. Er hat sich ja letztlich auch
immer selbst geschadet, sowohl in seiner Karriere als auch
bei seiner Gesundheit. Schon mit siebzehn habe ich eine
kritische Erzählung über ihn geschrieben und
in späteren Jahren noch einmal eine und ihm beide
zu lesen gegeben. Er hat sie mit keinem Wort kommentiert.
Aber die Standpunkte waren geklärt.
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