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"Wollen Sie Ihrem Vater die Würde retten?"
Interview in: Die Rheinpfalz, 25. 11. 2005

Sigfrid Gauch, Autor und Literaturreferent im rheinland-pfälzischen Kulturministerium, hat seinen erfolgreichen Roman "Vaterspuren" über den Nazi Hermann Gauch neu aufgelegt und erweitert. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Gabriele Weingartner hat sich mit Sigfrid Gauch über die Beweggründe für die Neuauflage und den langen Schatten des Vaters unterhalten.

G. W.: Niklas Frank, der Sohn des Judenmörders Hans Frank, hat vor kurzem die Söhne und Töchter der Täter dazu aufgerufen, unter keinen Umständen eine Versöhnung mit den Täter-Vätern zuzulassen. Bei der Neufassung von "Vaterspuren" hat man den Eindruck, der Sohn, der ja auch ein Autor ist, hätte sein Bemühen, den Vater unter allen Umständen zu verstehen, noch intensiviert. Wollen Sie Ihrem Vater die Würde retten?

S. G.: In einem Fernsehfilm über Niklas Frank und seinen Vater wurde dieser überraschend, nach vielen Hasstiraden auf seinen Vater, auf den Ruinen des einstigen Gouverneurspalastes im Sonnenuntergang sitzend, gefragt: "Lieben Sie Ihren Vater noch immer?" Und ausgerechnet Niklas Frank sagte mit zitternder Stimme: "Ja!" Diese Schlusssequenz sagt mehr als jeder Kommentar. Der Soziologe Iring Fetscher meinte einmal zu mir, in vielen von mir geschilderten Zügen meines Vaters habe er seinen eigenen wiedergefunden, obwohl sein Vater, auch ein Mediziner derselben Generation, auf der anderen Seite stand und durch die SS zu Tode kam. Das Bild des Vaters ist in der Neuausgabe nur plastischer geworden, auch in seinen eklatanten Widersprüchen: der hingebungsvollen Naturliebe wie dem fanatischen Judenhass. Ich versuche den Vater weder zu verstehen noch zu entschuldigen, ich stelle ihn dar und nicht bloß. Bloßgestellt hat er sich selbst ja schon, in seinen vielen eigenen Büchern und Aufsätzen bis in seine letzten Lebensjahre ebenso wie in seinem uneinsichtigen Handeln.

G. W.: Die neuen Quellen zeigen den Vater schon erschreckend früh als fanatischen Rassisten, den man unter bestimmten Gesichtspunkten auch als Psychopathen, zumindest als hochgradigen Neurotiker bezeichnen könnte. Wäre es nicht einfacher für Sie zu sagen: Mein Vater war psychisch gestört? Unter diesem Aspekt war er nicht ernst zu nehmen?

S. G.: Dann könnte man die gesamte Diskussion über die Nazizeit mit diesem Satz beenden, und ich hätte das Buch nicht zu schreiben brauchen. Nein: Das für mich viel Überraschendere war, jetzt erst zu erfahren, dass er in der Kriegsgefangenschaft nach dem Ersten Weltkrieg zunächst kommunistischen und sozialistischen Ideen anhing und dort langsam erst zum Antisemiten wurde. Darüber hinaus meine ich eindrücklicher zeigen zu können, wie dieser Vater in seinem Denken und seinem Handeln ein typisches, auch generationstypisches Täterprofil entwickelt. Zugleich aber geben die neuen Dokumente auch Aufschluss darüber, wie man innerhalb der NS-Führung sehr viel pragmatischer dachte und Fanatiker oft ausgrenzte. Mein Vater ist 1923 in die NSDAP eingetreten, hat gegen die pfälzischen Separatisten mit der Waffe in der Hand gekämpft und gedacht, mit der Machtübernahme 1933 breche für alle alten Kämpfer das Paradies an – mit diesem Irrtum zu leben fiel ihm schwer.

G. W.: Hätten Sie sich manchmal eine härtere Strafe für ihn gewünscht, oder haben Sie sich einen solchen Wunsch nicht erlaubt?

S. G.: Er gehörte zu denen, die auch in der Nachkriegszeit aus ihrer Ideologie nie einen Hehl machten. Und da er im Krieg als Militärarzt tätig war und kein Mörder wie manch anderer, gab es auch keinen Anlass, ihm eine Strafe zu wünschen. Er hat sich ja letztlich auch immer selbst geschadet, sowohl in seiner Karriere als auch bei seiner Gesundheit. Schon mit siebzehn habe ich eine kritische Erzählung über ihn geschrieben und in späteren Jahren noch einmal eine und ihm beide zu lesen gegeben. Er hat sie mit keinem Wort kommentiert. Aber die Standpunkte waren geklärt.

 
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