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Vaterspuren

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Auszüge

Wenn Vater zu erzählen anfing, war das meist im Café. Auch später, als wir schon in die Stadt gezogen waren und ich nicht mehr im Internat wohnen musste, trafen wir uns nach der Schule im Café. Dort musste ich die Hexameter des Homer ins Deutsche übersetzen, und er hörte mich lateinische Vokabeln ab.
Dass dadurch alle Kaffeehausbesucher an meinem Wissen oder besser Nichtwissen teilnehmen konnten, störte ihn nicht. Dass ich oft vor Wut oder Scham Tränen in den Augen hatte, konnte er nicht sehen: Er schaute in die lateinische Grammatik. Dass ich lieber Brecht las und François Villon, Elias Canetti und Peter Weiss, merkte er wohl; aber er reagierte nicht darauf, sondern erzählte stattdessen von dem, was er früher gelesen habe.
Dass er in einem Semester in Köln die ganze indogermanistische Bibliothek durchgearbeitet habe und dann einen Aufsatz über Runen verfasste; dass er dort in der "Deutschen Zeitung" einen Artikel gelesen habe von einer Versammlung in München, zu deren Schutz zwei Hundertschaften aufmarschierten, die rote Fahnen mit einem Hakenkreuz auf weißem Feld trugen und sich nationalsozialistische Sturmabteilung nannten.
"Wann war denn das", frage ich, dankbar, ihn so von den Vokabeln ablenken zu können.
"Im Spätsommer 1922", sagte er.
Damals hatte auch Brecht in München studiert, dachte ich, und zur gleichen Zeit wie Vater besuchte Brecht ein Gymnasium in Augsburg. Vater das Sankt-Anna-Kollegium, Brecht das Realgymnasium.
"Hast du Brecht eigentlich nicht gekannt? ", frage ich ihn.

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