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Ein Regen aus Kieseln wird fallen

Sigfrid Gauch / Claudia C. Krauße (Hrsg.)
Ein Regen aus Kieseln wird fallen
Texte aus dem Exil
Das Writers-in-Exile-Programm des P.E.N.

Verlag Brandes & Apsel
Frankfurt am Main 2009

398 S., € 26,90
ISBN 978-3-86099-398-9

Texte von Svetlana Alexievitch, Bashana Abeywardane, Mainat Kourbanova, Faraj Sarkohi, Hamid Skif, Amir Valle u.a.

Das Writers-in-Exile-Programm des P.E.N. bietet verfolgten Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus unterschiedlichsten Ländern eine vorübergehende Zuflucht. Von ihrem Leben, ihren Traumata, ihren Erfahrungen der Flucht und des Exils sprechen die hier erstmals in einer repräsentativen Auswahl dokumentierten Texte der bisherigen Stipendiatinnen und Stipendiaten.

„Komm gehen wir / Ein Regen aus Kieseln wird fallen / Ich höre ein Pferd wiehern / In deine Handteller graben die Nägel silberne Straßen“, heißt es in einem Gedicht des algerischen Schriftstellers Hamid Skif. Er wurde wegen seiner Berichte über Folter in seiner Heimat inhaftiert und floh ins Exil. Wie Skif haben seit 1999 insgesamt zwanzig Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Ländern wie Iran, Sierra Leone, Sri Lanka, Kuba, Türkei, Tschetschenien, Simbabwe oder Weißrussland auf Grund des Writers-in-Exile-Programms die Chance bekommen, ihre Arbeit vorübergehend im deutschen Exil fortzusetzen. Entstanden ist eine eindrucksvolle Sammlung von Prosa und Lyrik verfolgter und geflohener Autoren.

Hinter jedem der hier zu Wort Kommenden verbirgt sich ein Schicksal. Oft verbirgt es sich wirklich und es dauert lange, bis die Verfolgten darüber sprechen können und auch innerlich bereit sind, sich auf ihre Exilsituation einzulassen. Denn immer noch steht an erster Stelle die Beziehung zur Heimat, die ja niemand freiwillig verlassen hat. Immer waren es Drohungen, Einschüchterungen, Einkerkerungen, oft auch Folter, mit denen versucht wurde, die Kreativität und den Mut der Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu brechen. Am Ende standen dann als einziger Ausweg die Flucht und das Exil.

Die Herausgeber:
Sigfrid Gauch ist Vizepräsident und Writers-in-Exile-Beauftragter des P.E.N.-Zentrums Deutschland
Claudia C. Krauße ist Geschäftsführerin des P.E.N.-Zentrums Deutschland in Darmstadt.

„Jede Erinnerung ist eine Bindung. Erinnerungen jedoch machen die Gefangenschaft unerträglich. Von dem Moment an, an dem er zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und an dem sie begonnen hatten, von seinem Inneren Besitz zu ergreifen, um seine Identität zu zertrümmern und ihn bereit für Kapitulation, Reue und Wiedererschaffung zu machen, war er nach einem durchdachten Plan vorgegangen, damit er alles vergaß außer der ein mal zwei Meter großen Zelle, dem drei mal täglichen Toilettengang, den drei Mahlzeiten und zehn morgendlichen Lockerungsübungen, den Verhören, den Stunden religiöser Unterweisung und dem Schreiben in Gedanken. Schritt für Schritt war er vorgegangen, um seine Bindungen zu allem zu durchtrennen, was einst war und zu allem, was er einst besessen hatte.“

Faraj Sarkohi, Das Gelb reifer Zitronen

Textauszüge

S. 29:
Sie hatten ihm keine Zeit gelassen, sich das Bild und die Meldung näher anzusehen. Er hätte sich die Einzelheiten des Geschehens jedoch in seiner Fantasie ausmalen können. Es war meist das gleiche. In der linken Ecke des großen Fotos, das den Leichnam auf dem nackten Steinboden zeigte, befand sich eine kleine Abbildung von Mariam. Eines dieser vier mal sechs Zentimeter großen Bilder, die man für den Personalausweis oder Reisepass anfertigen lässt. Man kämmt sich das Haar, richtet den Kragen und starrt mit einem verkrampften Lächeln in die Kamera, gerade ausreichend, dass es einen ernst und freundlich zugleich erscheinen lässt. Zwei schwarze Zöpfe fielen ihr zu beiden Seiten ihres runden Gesichts auf die Brust. Genau auf die Stelle, wo die geschwungene Vertiefung ihres Dekolletés auf ihre Brüste anspielte. In den Augen des Fotos fand sich auch ein Rest jenes verführerischen Charmes und der Unnahbarkeit, die stets in Mariams Augen lagen. Faraj Sarkohi: Das Gelb reifer Zitronen

S. 50 f.:
Mein Arzt sagt, ich müsse die Angst aus meinem Inneren herausreißen und über Bord werfen. Ich sei in meiner Vergangenheit gefangen, wolle meine neue Situation nicht akzeptieren. Er sagt, unbewusst widersetze ich mich den Medikamenten. Ich müsse meine Augen öffnen. Mein neues Leben annehmen. Meine neue Situation verinnerlichen. Ich gebe mir Mühe. Doch die Furcht, die nach jenem Ereignis in meinem Hirn, meinem Herz und meinen Schläfen die Siegestrommel schlägt, lacht über all diese Worte. Wie ist es bei dir? Erinnerst du dich, wie du nach jenem Ereignis aus Angst vor Alpträumen all deine Fingerkuppen mit der Spitze einer Sicherheitsnadel zerstochen hast, um nicht einzuschlafen? Was ist mit Sohrab? Lebt er? Hast du von ihm gehört? Hast du auch ihm geschrieben?

Faraj Sarkohi: Grenze aus Nebel

S. 194
Wir bedeckten die Toten mit Schnee, manchmal auch mit angetauter Erde oder mit Trümmern der zerstörten Häuser. Nur, um nicht achtlos an ihnen vorbeizugehen, nur, damit die verwilderten Hunde den Toten nicht gleich die Gesichter anfraßen. Wenn ich damals mit steif gefrorenen Händen etwas Erde zusammenscharrte, um wieder einen Märtyrer dieses noch ganz frischen, gerade erst begonnenen Krieges damit zu bedecken, dachte ich: Hätte ich die Möglichkeit, mich an denen zu rächen, die meine Freunde, meine Nachbarn, meine Verwandten oder mir ganz unbekannte Menschen in blau angelaufene leblose Körper verwandelt hatten, in blutige Masken, erstarrt in den unwahrscheinlichsten Haltungen, so, wie die MP-Garben oder Bombensplitter sie ereilt hatten, ja, hätte ich die Möglichkeit, sie alle zu rächen, wie viele Menschen müsste ich dann töten, bis ich Genugtuung empfände, bis der Rachedurst gestillt wäre? Ich wusste damals nicht, dass noch zehn

Mainat Kurbanowa: Zur eigenen Erinnerung

S. 202
Das Denkmal wurde also in die Sunsha geworfen, an der Stelle, wo die Bolschewiki in den dreißiger Jahren die zermahlenen Leichen der in den Mauern jenes Gefängnisses getöteten Menschen ins Wasser geworfen hatten. An jenem Tag glaubten wir alle, dass diese Geschichte abgeschlossen sei, dass es keinen Weg dahin zurück gebe, dass vor uns ein Leben in einer freien und gerechten Gesellschaft gleichberechtigter Menschen liege, die nichts zu fürchten und nichts mehr zu verlieren hatten, denn die Ketten hatten wir abgeworfen, und neue würde es nie mehr geben. Aber auf dem Sockel waren die riesigen Galoschen des Führers des Weltproletariats stehengeblieben, und es erwies sich als unmöglich, sie abzumontieren und ihrem Besitzer hinterher zuwerfen. Die Galoschen wurden zum Gegenstand populärer Witze unter den Einheimischen; Brautpaare und junge Genießer ließen sich davor fotografieren, man versuchte, aus ihnen Souvenirs zu machen, vergeblich, sie standen und standen und trotzten auch den stärksten Bombardements, die einige Jahre später einsetzten. Sie wurden zum mahnenden Symbol dafür, dass Geschichte wiederholbar ist, dass der Besitzer irgendwann zurückkehrt, dass er wirklich unsterblich ist, wie seine Nachfolger immer behaupteten. Und so stehen sie heute noch dort und verströmen Freude und kommunistische Unerschütterlichkeit, als wüssten sie, dass die Revanche nicht fern ist, dass in Russland die Epoche des Revanchismus schon begonnen hat und dass die Sache ihres Besitzers bis auf den heutigen Tag »lebt und siegen wird«, wie die Losungen verkündeten, die damals in allen Städten der unvergesslichen Sowjetunion, auch in Grosny, hingen.

Mainat Kurbanowa: Zur eigenen Erinnerung

S. 239
Es klopfte sehr laut, irgendwie fieberhaft, als hämmere der Mensch auf dem Treppenpodest aus aller Kraft mit der Faust gegen die Tür. Einen Moment war ich starr vor Verwunderung und Angst. Ich erwartete niemanden. Zuerst beschloss ich, nicht zu reagieren, mich nicht zu rühren und nicht zur Tür zu gehen. Aber da draußen hatte man bestimmt schon das Zischen des Radios gehört. Ich stahl mich zur Tür und guckte durch den Spion. Da stand eine Frau um die Dreißig, ein paar Schritte vor meiner Wohnung, und blickte hinunter ins Treppenhaus. Ich drehte den Schlüssel um, schob den Eisenriegel zurück und sah hinaus, während ich mit einer Hand die Tür festhielt. Die Frau war mit einem Satz bei mir, packte mich am Ellbogen und stieß hervor: »Um Gottes willen, lass mich ein! Um Gottes willen, lass mich ein!« Ich bemerkte getrocknete Blutspritzer an ihrem Hals, auf dem Kinn, an den Händen, die krampfhaft eine cremefarbene Jacke mit braunen Flecken zu einem dicken Strick zusammenpressten. Ich trat einen Schritt beiseite, und sie sprang in die Wohnung, klebrige schmutzige Spuren zurücklassend.
Mein erster Gedanke: Sie ist aus einem Sammellager geflohen, ist geschlagen und gefoltert worden, und das Blut ist ihr eigenes. Kaum in der Wohnung, lief sie auf den Balkon, blickte nach allen Seiten, als suche sie jemanden, kam hereingerannt, setzte sich vor der Balkontür auf den Boden, sprang wieder auf, krampfte die zitternden Hände vor der Brust ineinander. »Ich hab sie getötet«, sagte sie. Am ganzen Körper bebend, packte sie mich wieder am Ärmel. »Ich hab sie getötet.« Ihre Zähne schlugen aufeinander. Wie verrückt zerrte sie an meinem Ärmel. Ich hab sie getötet!Ich hab sie getötet! Ich hab sie getötet! Ich hab sie getötet!

Mainat Kurbanowa: Geschichte einer Reportage

 

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