Die Esterházy-Methode
Wie es ist, als Schriftsteller von einem Schriftsteller
beklaut zu werden
Ein Beitrag zum Fall Helene Hegemann
Von Sigfrid Gauch
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Link zur 3sat-Mediathek: Kulturzeit -Bericht (17.3.10): Meisterhafter Sprachklau. Über Peter Esterhazys umstrittene Collage-Technik und Sigfrid Gauchs "Vaterspuren"
In: DIE RHEINPFALZ Nr. 35 – 11. Februar 2010
Ganze Passagen ihres gefeierten Debüt-Romans „Axolotl
Roadkill“ soll die 17-jährige Autorin Helene
Hegemann in Airens „Strobo“ abgeschrieben haben.
Das hat ein Blogger namens Deef Pirmasens nachgewiesen.
Hegemann gibt dies auch unumwunden zu (DIE RHEINPFALZ berichtete
am Dienstag). Wer indes näher hinschaut, merkt, dass
Kopieren fast schon zum „guten literarischen Ton“
gehört. Ein Opfer der Literatur-Kleptomanie ist Sigfrid
Gauch, Autor und bis zu seiner Pensionierung gestern Literaturreferent
des Landes Rheinland-Pfalz. Ein Schadensbericht.
Goethe schrieb einmal: „Bei Dienstboten werden gefundene
Esswaren nicht für gestohlen angesehen; so sind auch
solche Kunstsachen gleichsam für Leckerbissen zu halten,
die man sich zueignet, ohne des Diebstahls schuldig zu werden.“
Das nimmt gerne nicht nur Helene Hegemann für sich
in Anspruch, sondern auch Peter Esterházy, der dem
WDR-Literaturredakteur Wend Kässens einmal gestand:
„Wenn ich etwas brauche, dann nehme ich es, egal,
ob es sich gehört oder nicht.“ Später stelle
sich sowieso heraus, dass das Intertextualität sei.
Ganze Erzählungen, schreibt Kässens, habe sich
Esterházy einverleibt, wenn sie in seinen Zusammenhang
gepasst haben. Mal seien in seinen Büchern die verwendeten
Zitate im Anhang eines Bandes genannt, häufiger jedoch
nicht.
So ging es auch mir. In Peter Esterházys Bestseller
„Harmonia Caelestis“ (2001), der seine eigenen
Vatererinnerungen zum Thema hat, finde ich ein ganzes Kapitel
aus meinem 1979 in erster Auflage erschienenen Buch „Vaterspuren“
wieder. In meinem Buch heißt es unter anderem über
eine Fahrt mit unserem Vater, der meine Schwester Gudrun
und mich in seinem Wagen abholte: „Wir rannten an
und sagten guten Tag. Du hast genickt. Wohin fahren wir,
fragte ich. Zur Burg Sponheim, hast du geantwortet. Die
Grafen von Sponheim waren eure Vorfahren, hast du erzählt:
Johann II., der Graf von Sponheim-Kreuznach, war der Vater
des Walrab von Koppenstein, dessen Mutter war die Frau eines
Ministerialbeamten auf seiner Burg; und weil sie nicht gleichrangig
war, wurden ihre Söhne nur Freiherren. Auf diese Burg
fahren wir heute. Du hast noch viele Jahreszahlen genannt
und die verwandtschaftlichen Zusammenhänge bis zu uns.
Wir aber haben uns mehr dafür interessiert, wer neben
dir sitzen darf und wer auf den Rücksitz muss.“
In Peter Esterházys „Harmonia Caelestis“
wird daraus: „Schließlich kamen die Kinder angerannt;
guten Tag. Mein Vater nickte, guten Tag. Wohin fahren wir?
Zur Burg Sponheim, antwortete mein Vater. Die Grafen von
Sponheim waren eure Vorfahren, eure Altvorderen; Johann
II., Graf von Sponheim-Kreuznach, war der Vater des Walrab
von Koppenstein; dessen Mutter war die Frau eines Ministerialbeamten
auf seiner Burg, und weil sie nicht gleichrangig war, wurden
ihre Söhne nur Freiherren; auf diese Burg fahren wir
heute. Er nannte noch viele Jahreszahlen und die verwandtschaftlichen
Zusammenhänge bis in die Gegenwart. Die Söhne
meines Vaters interessierten sich mehr dafür, wer vorne
neben meinem Vater (auf dem Schleudersitz) sitzen durfte
und wer auf den Rücksitz musste.“
Und so weiter. Es handelt sich, wie gesagt, um ein ganzes
übernommenes Kapitel aus „Vaterspuren“.
Terézia Mora als Übersetzerin hat meinen Text
angeblich aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt.
Rückübersetzt also. Und dabei exakt meine Wortwahl
getroffen („gleichrangig“, „verwandtschaftliche
Zusammenhänge“). Ich wundere mich und erfahre
von einer Journalistin, dass dies Esterházy-Prinzip
sei: gut 23 Seiten aus Ernst Jüngers „Abenteuerlichem
Herz“ fänden sich ziemlich wörtlich, viele
andere deutsche und auch ausländische Autoren mit großen
Textpassagen. Ich frage, angeblich erstaunt, beim Berlin
Verlag nach und erhalte eine freundliche Antwort auf diese
„Duplizität“: „In einem Marginalienband
zu ‚Harmonia Caelestis’ verweisen wir in einem
‚Verzeichnis der Gasttexte’ auf die Referenzen
der ‚Vaterliteratur’, aus denen sich ‚in
wörtlicher oder verzerrter Form’ Zitate in ‚Harmonia
Caelestis’ finden, von Borges über Calvino bis
Wohmann und Wollschläger. In diesem Verzeichnis (S.
38) sind auch Ihre ‚Vaterspuren’ vermerkt.“
Man freue sich, mir diesen Marginalienband „mit den
Verweisen, die ja auch als Danksagung gemeint sind“,
zu übersenden.
Aha, denke ich, da muss ich auch noch dankbar sein! Ich
frage beim Justitiar des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di nach, wie dankbar ich sein
muss. Er verweist auf entsprechende Urteile, es könne
im Hinblick auf die geschützte Kunstfreiheit „im
Rahmen einer eigenen künstlerischen Gestaltung auch
zulässig sein, urheberrechtlich geschützte Texte
nicht nur zur Verdeutlichung übereinstimmender Meinungen,
zum besseren Verständnis der eigenen Ausführungen
oder zur Begründung oder Vertiefung des Dargelegten
zu entlehnen“; dies könne aber „auch ohne
einen solchen Bezug zulässig sein, wenn die Zitate
als solche Gegenstand und Gestaltungsmittel der eigenen
künstlerischen Aussage des Zitierenden sind“.
Soso, also darf Peter Esterházy das. Er nimmt thematisch
passende Texte und collagiert sie zu einem eigenen Werk,
das von den Feuilletons hymnisch gefeiert wird. Klar, denke
ich, wenn er sich bei anerkannten Autoren bedient und ein
wenig umschreibt, muss das ja stilistisch gut sein. Der
Verlag Klett-Cotta, bei dem ich anfrage, ob man wenigstens
bei ihm wegen der Übernahmerechte nachgefragt habe,
ist zwar überrascht von der Ausschlachtung des „Abenteuerlichen
Herzens“ von Ernst Jünger, belässt es aber
dabei. Später treffe ich den Lektor Esterházys
in Berlin in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung.
Er preist das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur
Nutzung von Texten in „Collageform“ und erzählt,
dass in den USA allerdings Urheberrechtsprozesse gegen „Harmonia
Caelestis“ laufen, da Esterházy auch große
Textpassagen amerikanischer Autoren verwendet habe. Aber
darüber lese ich in den deutschen Feuilletons nichts,
auch nichts darüber, wie diese Prozesse ausgegangen
sind. Der VS-Justitiar zumindest war der Meinung, dass der Fall,
den das Bundesverfassungsgericht entschieden hatte, als
die Brecht-Erben wegen der Übernahme von Brecht-Zitaten
durch Heiner Müller in „Germania III“ klagten
und abgewiesen wurden, doch nicht mit meinem Fall vergleichbar
sei. Man könne sich einen Prozess vorstellen. Prozess?
Nein danke.
„Harmonia Caelestis“ heißt „himmlische
Harmonie“. Diese scheint zu herrschen, wenn gestandene
ungarische Autoren aus „Gasttexten“ ihre Bestseller
machen. Siebzehnjährige Mädels haben hier mit
ihrem Debütroman eher keine Chancen, arme Helene Hegemann
...
***
Nachtrag
Langsam scheint sich die Methode herumzusprechen. Der Schriftsteller
Josef Haslinger (Roman „Das Vaterspiel“, 2000)
hat seine eigenen Erfahrungen gemacht. In seiner Antrittsrede
als Mainzer Stadtschreiber spricht er am 25. Februar 2010
darüber: "Einmal bekam ich eine E-Mail, in der
ein mir unbekannter 'Vernaderer' behauptete, er habe gerade
die Übersetzung eines Romans gelesen, in dem sich fast
wörtlich der Ausschnitt eines Textes von mir finde.
Die Unterschiede lastete er dem doppelten Übersetzungsvorgang
an. Offenbar habe der Autor den Abschnitt zunächst
in seine Sprache übersetzt, dann habe der Übersetzer,
in Unkenntnis des Originals, den Romanausschnitt ins Deutsche
rückübersetzt. Das schließe er aus der Art,
wie der Text vom Original abweiche. Ich schaute mir die
Sache an, und tatsächlich, es wurde im genannten Romanauszug
derselbe Sachverhalt mit derselben Argumentation ausgebreitet,
die auch ich damals verwendet hatte, es stimmten die Inhalte
der Sätze überein, es wurden auch dieselben Metaphern
verwendet. Was tun? Ich wandte mich über den Verlag
an den Autor und bat ihn, mir zu erklären, wie es zu
dieser frappierenden Ähnlichkeit komme. Ich hatte erwartet,
der Kollege sei nun empört und würde jeden Zusammenhang
mit meinem Text streng von sich weisen. Stattdessen ließ
er mir über seinen Verlag mitteilen, dass er das nicht
so eng sehe wie ich. Er habe viele Quellen verwendet, das
sei das Prinzip seines Schreibens, er notiere, was ihm unterkomme
und da gehörten eben auch andere Texte dazu. Es tue
ihm leid, wenn ich das nicht verstünde, er habe mir
in keiner Weise Unrecht tun wollen."
***
3sat online schreibt zu der am 17. März 2010 in 3sat Kulturzeit in der Reihe „Unsere schönsten Plagiate“ ausgestrahlten Sendung (http://www.3sat.de/dynamic/sitegen/bin/sitegen.php?scsrc=2&date=2010-03-17&division=kulturzeit&cx=59)
Meisterhafter Sprachklau
Über Peter Esterhazys umstrittene Collage-Technik
Er ist immer auf der Suche nach passenden Stellen. Peter Esterhazy, der Schriftsteller aus dem berühmten ungarischen Adelsgeschlecht. Sein weltweit gefeiertes Hauptwerk heißt "Harmonia Caelestis" - es ist die Geschichte seiner Familie.
Es ist eine gewaltige Collage aus größtenteils fremden Texten. "Esterhazys Roman 'Harmonia Caelestis', der in Deutschland 2001 erschienen ist, enthält in der Tat sehr viele sogenannte Gasttexte, zum Teil verändert, zum Teil aber so, wie die Ursprungsautoren die Texte veröffentlicht haben", erklärt Lothar Müller, Literaturkritiker der "Süddeutsche Zeitung".
185 Autoren sind als Quellen in einem Marginalienband des Verlags aufgeführt. Von Ernst Jünger über Peter Handke bis zu Danilo Kis, von dem Esterhazy gleich eine ganze Novelle hineinkopiert hat. Um die Abdruckgenehmigung ihrer Gasttexte wurden die Autoren nicht gebeten. Auch fehlt jeder Hinweis, um welchen Text es sich handelt. Während sich die Feuilletons mit dem Romanplagiat der 18-jährigen Helene Hegemann herumplagen, hat also ein weltweit anerkannter Literat die Anleihen bei anderen Autoren längst zu seinem Schreibprinzip erklärt.
"Freie Werknutzung"
Für den Schriftsteller Josef Haslinger, selbst Opfer eines Plagiats, ist die "freie Werknutzung" kein Freibrief zur Aushebelung des Urheberrechts: "In dem Augenblick, wo ich sozusagen einen eigenen künstlerischen Anspruch erkennen kann, in den fremdes Material eingeflossen ist, wird das wahrscheinlich jedes Gericht als originelle literarische Leistung akzeptieren. Wenn das allerdings nicht der Fall ist und sich so ein Collage-Charakter herstellt, dann wäre es wahrscheinlich günstig, man würde angeben, woher man diese Textbausteine hat." Und Lothar Müller ergänzt: "Es gibt vielleicht etwas wie eine grundsätzliche Laxheit bei vielen Autoren. Wenn das aber bei jemandem der Fall ist, und er sich vor Gericht durchsetzt, dann muss auch jemand wie Esterhazy Teile seines Einkommens gewissermaßen zur Verfügung stellen."
Ungefragt zitierte Autoren hätten also Anspruch auf finanzielle Beteiligung - stattdessen herrscht Stillschweigen. Einer, der nicht geklagt hat, als er gleich ein ganzes Kapitel seines Romans bei Esterhazy wiederfand, ist Sigfrid Gauch. "Ich hatte den Verlag angeschrieben, der Verlag schrieb mir freundlich zurück, das wäre das besondere intertextuelle Verfahren seiner Roman-Ästhetik. Und in diesem Fall ist die Intertextualiät bei Peter Esterhazy ein Plagiat, da das Zitat nicht als Zitat im Buch ausgewiesen ist.“
Häuser aus Sprache
Es ist ein Vorwurf, der nicht so recht in die Welt des literarischen Großmeisters passt. Auch wenn Esterhazy die Gasttexte leicht verändert und in einen neuen Kontext stellt, ändert das nichts an der Unrechtmäßigkeit des Verfahrens. Die Dreistigkeit geht soweit, dass die Übersetzerin die Originaltexte verwandt hat. In einer Talkshow kam es zu einer kuriosen Situation als der Moderator aus der Quelle desselben Textes zitiert. "Ich habe damit gearbeitet, was ich gefunden habe", erklärt Esterhazy. "Diese Sprache. Und das habe ich auseinander genommen und davon habe ich meine Häuser gebaut."
Texte fremder Autoren dienen als Baumaterialien für eigene Romane. "In dem Augenblick, wo es einen selbst betrifft, stellt es sich ein bisschen anders dar", sagt Josef Haslinger. "Zuerst ist es schön, dass es jemanden gibt, der das gelesen hat und für so bedeutend hält, dass er es gleich für einen eigenen Gedanken ausgeben will. Dann ist man etwas gekränkt. Ich fühle mich als Leser auch hereingelegt. Das ist irgendwie ein unredliches Spiel. Das ist eine Täuschung." "Harmonia Caelestis" ist ein Meisterwerk. Nicht zuletzt auch, weil es ein Sammelsurium großer Zitate anderer Werke ist. Dennoch: Auch eine gelungene Collage von Altbekanntem ist eine riskante Methode, solange man nicht die genauen Quellen nennt. Oder ist der berühmte Anfangssatz von Esterhazys Roman zugleich das Motto für sein Schreiben? "Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt."
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